Heimatkunde
»Der Pott filmt«, ein seltsames Wort. Was will es besagen? Etwa, dass
Menschen mit Kameras dem Gedanken nachgehen, den der Schriftsteller Heinrich
Böll nach einer Eisenbahnfahrt durch das Ruhrgebiet notierte:
»Wer die merkwürdigen, oft so zufällig wirkenden Grenzen und
Winkel der Landkarte begradigen würde, würde uralte Gefühle
verletzen. Wie lange diese uralten Linien Bedeutung haben, wann sie anfangen
werden, fiktiv zu sein, ist nicht zu bestimmen«.
Dies wurde im Jahre 1960 geschrieben. Was alles ist seither geschehen? Wie mag
es heute um solche alten Sprachgrenzen, Grenzen der Brotformen und Bräuche
bestellt sein? Welche spezifischen Erinnerungen, Gerüche, Wörter gibt
es noch im Ruhrgebiet zwischen all den Sachen, die ausschauen wie überall
auf der Welt?
Das Kino gibt Auskunft. Dessen Bilder sind ein riesiges Archiv der
Lebensweisen, Moden, Stimmungen, politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse,
das an Farbigkeit, Fülle, Feinheit viel mehr auszusagen vermag als mancher
soziologische Exkurs. Was besagen will, dass nicht allein aktuelle, sondern
auch alte Filme gerade wenn die von ihnen gezeigte Welt längst
entschwunden ist etwas zu sehen und zu verstehen geben.
Welch lange Reihe beeindruckender Filmemacher das Ruhrgebiet hervorbrachte.
Beispielsweise Dokumentaristen wie Christoph Hübner und Gabriele Voss
(wohnhaft in Witten und Autoren zweier Filme über Nachwuchsfußballer
von Borussia Dortmund) oder Rainer Komers (wohnhaft in Mülheim). Doch
wurde hier natürlich nicht nur dokumentiert, sondern auch mit geradezu
teuflischer Lust fantasiert und kaputt gemacht. Beispielsweise in den im Geiste
Hollywoods gemachten Ruhrgebietspopmärchen des Adolf Winkelmann, oder
ein fundamental anderer Fall in den der Literatur stark
verbundenen Kunstfilmen des Werner Nekes. Und noch einmal ganz anders: Helge
Schneider, die Verkörperung des Anarchisten in uns allen, der partout das
tut, was keiner erwartet worüber man trefflich lachen, was man aber
auch sehr schön finden kann, weil das endlich einmal eine Freiheit ist.
Der Erfolg all der Ruhrgebietsfilmer ist nicht listenmäßig erfasst.
Keine Hitparadenplatzierungen, keine Oscars. Aber sie haben Nachfolger
gefunden, junge, mit Preisen versehene Regisseure wie Frank Wierke, welche
moderne filmische Blicke auf das, wie Heinrich Böll es nennt,
»Riesengebilde Ruhrgebiet« werfen, den Abstand zwischen Idealen (oder
Illusionen) und der Wirklichkeit vermessen. Was sowohl den Ureinwohnern als
auch gelegentlichen Besuchern erhellende Selbstbegegnungen ermöglicht
und schon gar ein wahrlich diebisches Vergnügen. (Michael Girke)